Liebe Gemeinde, so hat das also mal angefangen mit der Mission vor fast 2000 Jahren! Paulus bereist Kleinasien und kommt in die Weltstadt Ephesus an der Westküste der heutigen Türkei. Dort trifft er auf ein Dutzend Männer (das kennen wir ja schon, dass die Frauen damals nicht mitgezählt wurden!) und kommt mit ihnen ins Gespräch. Lukas spricht sogar von „Jüngern“. Wie sich schnell herausstellt, keine Jesusjünger, sondern Johannesjünger. Sie haben die Johannestaufe empfangen - ein Ritus des Untertauchens in der Tradition Johannes des Täufers. Es sind also keine Christen. Vielleicht sollten wir darum lieber sagen: Menschen, die auf den Glauben ansprechbar sind, die religiös „musikalisch“ sind.
Wie Johannes der Vorläufer Jesu Christi ist, so befinden sich auch die Leute, auf die Paulus hier stößt, gewissermaßen noch im Vorfeld des christlichen Glaubens. „Wir haben noch nie gehört, dass es einen heiligen Geist gibt,“ antworten sie etwas unbeholfen, als Paulus sie befragt. Und dann geht auf einmal alles sehr schnell. Kaum hören sie von Jesus, lassen sie sich auf seinen Namen taufen. Paulus legt ihnen die Hände auf, und schon kommt der Heilige Geist auf sie und sie fangen an, in Zungen zu reden.
Eine rätselhafte Szene. Wo bleibt da die Unterrichtung im Glauben? Mancher von Ihnen denkt vielleicht neidvoll an die eigenen missionarischen Anstrengungen in Äthiopien oder in Südafrika. Wie viel Mühe kostet es, erst mal den Kontakt zu den Menschen aufzubauen. Harte „Feldarbeit“, out field work, ist nötig. Und oft dauert es monatelang oder gar jahrelang, bis sich die ersten taufen lassen. Was machen wir da bloß falsch?
Noch merkwürdiger kommt mir der Abschnitt vor, wenn ich den gesamten afrikanischen Kontinent durch diese Brille in den Blick nehme. Rund 80 % der Bevölkerung sind inzwischen Christen. Da ist offenbar von den Missionaren „ganze Arbeit“ geleistet worden. Allerdings: mehr als die Hälfte davon halten sich nicht zu den traditionellen Kirchen, sondern zu den unterschiedlichsten charismatischen und pfingstlerischen Bewegungen. Niemand von von denen würde doch sagen: „Wir haben noch nie gehört, dass es einen heiligen Geist gibt!“ Im Gegenteil. Das Zungenreden ist vielen von ihnen geläufig, gehört zur alltäglichen Praxis des Gemeindelebens. Ganz anders als in den meisten unserer lutherischen Gemeinden. Und wieder die Frage: Haben wir da etwas falsch gemacht?
Liebe Schwestern und Brüder, ich will Sie hier nicht auf einen Holzweg locken. Es geht in unserer Predigtszene nicht um reale Zeitabläufe. In den folgenden Versen ist dann auch von einem dreimonatigen Glaubenskurs in der Synagoge und von einer zweijährigen Predigttätigkeit des Paulus in Ephesus die Rede. Der hatte also durchaus auch seine Schwierigkeiten mit dem Missionieren. Err hat sich dann auch von einigen getrennt, die ständig nur gemeckert und schlecht über den neuen Glauben geredet haben. Wir dürfen daher annehmen, dass es sich hier um idealtypische Grundlinien von Mission und Kirche handelt. Ich möchte versuchen, sie nachzuzeichnen.
Paulus nimmt die Menschen mit ihren Vorerfahrungen ernst. Er geht auf sie zu. Er spricht sie an. Er fragt. Er knüpft an ihre Glaubenserfahrungen, an die Johannistaufe an. Und er erzählt ihnen von Jesus. Er vereinnahmt sie nicht. Er will sie für Jesus gewinnen. Er hat keinerlei Berührungsängste: er legt ihnen die Hände auf.
Das ist bis heute ein Grundprinzip von Mission: Anknüpfungspunkte suchen. Die Gute Nachricht von dem Gott, der uns in Jesus Christus sein menschenfreundliches Gesicht zeigt; der uns ein Leben in Freiheit und Versöhnung schenkt; dieses Evangelium hineinpflanzen in die Religiosität, in die Kultur der Menschen, in ihre Ängste und Sorgen, in ihre Freuden und Hoffnungen. „Inkulturation des Evangeliums“ sagen wir dazu. Nur so kann es Wurzeln schlagen.
Was in der Mission auf anderen Kontinenten inzwischen Konsens ist, gilt genau so hierzulande. Mission vor der eigenen Haustür wird immer dringlicher. Die Zahl derer, die keiner Kirche angehören oder die zumindest weit weg vom kirchlichen Leben sind, bestenfalls im Vorhof also, wächst. In den Großstädten bilden die sog. Konfessionslosen oft bereits die größte Bevölkerungsgruppe. Wie viele von ihnen würden wohl, wenn wir sie fragten, auch so antworten: „Wir haben noch nie gehört, dass es einen heiligen Geist gibt!“ Ich habe den Eindruck, wir sind ihnen gegenüber oft zu zurückhaltend. Wir bleiben ihnen etwas schuldig, wenn wir sie nicht ansprechen, wenn wir ihnen nichts von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes erzählen, die in Christus aufleuchtet.
Letztlich erwarten sie das auch von uns. Zu Recht. Wenn Eltern ihr Kind in einen evangelischen Kindergarten schicken, müssen sie davon ausgehen können: „Wo evangelisch drauf steht, ist auch evangelisch drin.“ Wenn ich als Pastor einen Geburtstagsbesuch mache, darf das Geburtstagskind ruhig merken, wer zu Besuch gekommen ist. Wir sind gut beraten, das christliche Profil unserer gemeindlichen Arbeit zu schärfen, damit wir für die Menschen auch erkennbar sind.
Ich will die Fernstehenden nicht vereinnahmen. Ich nehme ihre Skepsis, ihre Fragen und Zweifel ernst. Aber ich möchte sie gewinnen, damit sie selber die befreiende Erfahrung machen: Ich muss mir meinen Wert als Person nicht erst verdienen. Ich bin schon ein wertvoller Mensch, weil Gott mich mit den Augen der Liebe anschaut.
Es reicht also nicht aus, bei Johannes dem Täufer stehen zu bleiben. Der Schritt hin zu Christus, zu dem, auf den Johannes hingewiesen hat, ist entscheidend. Erst im Namen Jesu Christi ereignet sich die Freiheit des Glaubens, Vergebung der Sünde, Gemeinschaft der Heiligen. Erst wer Jesus begegenet, wird vom heiligen Geist zu einem erfüllten, verantwortlichen Leben beflügelt.
Der Johannistag ermutigt uns, die Türen für alle offen zu halten und einladende Gemeinde zu sein. Glaubenskurse, missionarische Projekte, fröhliche Gottesdienste sind das eine. Das persönliche Gespräch, die Seelsorge das andere. Wir dürfen den Menschen das Beste nicht vorenthalten!
Der Johannistag ist aber zugleich eine Mahnung an uns selber, nicht im Vorhof des Glaubens zu verharren. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, das ist nicht das Evangelium von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben, allein aus Gnade. Ein bisschen Moral; ein halbwegs anständiger Mensch sein, das ist nicht verkehrt, macht aber noch keinen Christen aus. Gott nur dann in Anspruch nehmen, wenn wir ihn zur Feier des Tages brauchen, und ihn ansonsten einen „guten Mann“ sein lassen, ist kein Maßstab für eine christliche Existenz. Es kommt darauf an, dass wir Jesus begegnen, in ihm Gott erkennen und uns in seine Nachfolge rufen lassen (Predigt HPX gestern Nachmittag).
Und wie ist das mit der Taufe? Unser Predigtabschnitt zeigt, wie eng Taufe und Empfang des Hlg. Geistes zusammengehören. Haben am Ende unsere Geschwister von den Baptisten Recht, wenn sie unsere Praxis der Kindertaufe kritisieren und die Glaubenstaufe, die Geisttaufe fordern?
Immer langsam! Martin Luther hat gute Gründe für die Kindertaufe angeführt, lässt sie doch die vorlaufende Gnade Gottes kräftig aufleuchten. Aber was wir weithin vergessen haben: aus der Kindertaufe folgt die Verantwortung der Gemeinde, ihre Getauften zu begleiten, sie an einen selbst verantworteten Glauben heranzuführen, sie hineinzunehmen in die Mitte der Gemeinde, in die Familie der Kinder Gottes. Der Kinderkatechismus, den das Missionswerk entwickelt hat, gibt gute Anstöße dazu. Die Tauferinnerungsgottesdienste, die in vielen Gemeinden gefeiert werden, wirken sich segensreich aus, auch auf die Eltern. Ich habe das mehrfach erlebt in den Gemeinden, in denen ich tätig war.
Übrigens: Paulus vollzieht hier keine Wiedertaufe. Er tauft die Menschen in Ephesus, weil sie nicht auf den Namen Jesu getauft sind. Auf diesen Namen kommt es an. Ich halte es für ein unverzichtbares Band zwischen den Kirchen, dass wir die eine Taufe auf den Namen des dreinigen Gottes gegenseitig anerkennen. Wo das nicht geschieht; wo eine Gemeinschaft einen bereits Getauften wiedertauft, weil sie die bessere Taufe für sich reklamiert, da wird in der Tat das Tischtuch zerschnitten, so wie es vor ein paar Jahren hier ganz in der Nähe in Wietzendorf geschehen ist.
Taufe und Handauflegung: Der Glaube, der heilige Geist berührtt, auch körperlich. Darum ist es gut, dass wir uns wieder für sinnliche Erfahrungen öffnen – zumindest schon mal in besonderen Gottesdienstformen wie Thomasmesse oder Segnungsgottesdienste. (Gestern: Kreuzeszeichen in die Handfläche zeichnen) Als Kirche des Wortes sind wir da im Laufe der Jahrhunderte sehr spöde geworden. Das Evangelium berührt aber alle Sinne, Leib, Geist und Seele. Wir dürfen unsern Glauben mit Herzen, Mund und Händen ausdrücken. (Auch das haben wir gestern bei der Aussendung der vielen jungen Leute erlebt: „Mercy is falling“ – wenn auch norddeutsch-reserviert...)
Ein letzter Gedanke: Ziel allen missionarischen Bemühens ist die Einheit der Kirche. Ich missioniere oder evangelisiere nicht, um Menschen für meine Teilgruppe, für meine Konfession oder Denomination zu gewinnen, sondern für Christus. Das fällt uns oft am schwersten. Wir sind schnell dabei, Zäune aufzurichten und Menschen auszugrenzen, die nicht unseren Maßstäben des Glaubens entsprechen.
Lasst uns mehr auf die Kraft des Heiligen Geistes und auf die Wirkung des Namens Jesu vertrauen! Wenn wir uns in seinem Namen versammeln, sollte es nicht mehr vorkommen, dass wir andere Getaufte vom Tisch des Herrn ausschließen oder die ordinierten AmtsträgerInnen der jeweils anderen Kirche nicht anerkennen. Darum bitte ich besonders die Geschwister in der röm.-kath. Kirche und in der SELK: Lasst uns gern darum ringen, wie wir dem Glauben im Namen Jesu konkret Gestalt geben. Aber lasst uns aufhören, den anderen als defizitär zu betrachten. Das Urteil steht allein Christus zu.
So stellt der Predigtabschnitt zum Johannistag unsere Füße auf weiten Raum. Im Namen Jesu können wir mit dem Heiligen Geistes rechnen. Im Namen Jesu können wir Menschen ansprechen, auch die, die noch nie etwas davon gehört haben. Wir dürfen den Glauben mit allen Sinnen feiern, die Taufe wertschätzen und Verantwortung für die Getauften übernehmen. Und nicht zuletzt sind wir aufgerufen, für die Einheit der Kirche in versöhnter Verschiedenheit einzutreten. Zu all dem befähigt uns der auferstandene und lebendige Herr, auf den Johannis als Vorläufer hingewiesen hat.
Amen.