Dem Geheimnis der Stillen Woche, der Heiligen Woche, der Karwoche sucht Klaus Priesmeier mit seinen Andachten in dieser Woche nachzuspüren. Darin sieht er Charme wie Kick des christlichen Glaubens: sich eben nicht an unsere religiösen Positionen anzudocken, sondern uns da zu finden, wo wir sind – nämlich dort, wo wir uns kein Bild von Gott machen können, auf der Suche sind und bleiben. Da bleiben auch immer noch mehr Fragen als Antworten. Wir sind auf der Suche und wissen oft nicht einmal, wo wir suchen sollen. Gott, wo bist du? Warum ist das alles so? Und dann höre ich: hier, gerade hier, am Kreuz, wo alles Fragliche laut wird, da findet Gott uns Menschen.
Andacht von Sonnabend (23.04.11)
Was ist denn nun heute – Ostersonnabend oder Karsamstag? Sonst sprechen wir ja auch vom Wochenende, ziehen Samstag und Sonntag irgendwie zusammen. Mag sein, es ist auch angenehmer, schon den Tag der Auferstehung und des Lebens in den Blick zu nehmen als den Karsamstag auszuhalten. Den Tag, von dem wie von keinem anderen dieser Satz des Glaubensbekenntnisses gilt: „Hinabgestiegen ins Reich des Todes.“ Sogar dort nicht gottverlassen zu sein und Hoffnung zu haben: das ist keine allgemein aufweisbare Wahrheit. Christen glauben: das gründet in dem Weg, den Gott im Gekreuzigten mit uns Menschen geht. Eben: bis in den Tod – ja, Gott gibt auch die Toten nicht auf. Der gibt auch die nicht auf, denen alles aus der Hand geschlagen ist.
Das ist ein Teil des Menschseins. Das steht ja von Anfang bis Ende unter der Wirklichkeit des Todes und der Vergänglichkeit, nicht erst beim letzten Atemzug. Ständig leben wir in dieser vergehenden und sich verändernden Wirklichkeit. Und auch die ist getragen und geborgen von Gott, der in seinem Christus bis ins Totenreich reicht. Und damit gibt er Halt, wo sonst nichts mehr hält. Und nur darum kann er uns vergängliche und sterbliche Menschen dann auch mit hinein reißen in seine Auferstehung.
Der letzte, tiefste und feste Grund des Glaubens wird da sichtbar. Darüber sollte man nicht hinweghüpfen und tun, als sei das nichts. Darum möchte ich den Karsamstag aushalten, die Orgel und die Lichter in der Kirche über diesen Tag bis zur Osternacht still und dunkel halten. Auch wenn sich das manchmal beißt mit dem Interesse von Menschen, die auch an diesem Tag Hochzeit oder ein Traujubiläum feiern wollen. Aber gilt es hier nicht eine noch größere Liebe zu feiern und ihr auf die Spur zu kommen? Eine, die einlädt, dies zu spüren: nicht wir tragen den Glauben und machen die Liebe – der Glaube trägt uns und die Liebe Gottes belebt uns. Das kommt nicht immer gut, und das stößt immer wieder auch auf Unverständnis. Aber dem ist auf die Spur zu kommen – gerade auch auf den stillen Wegen des Karsamstags.
Andacht von Donnerstag (21.04.11)
„Trauerfeier am Donnerstag um 14 Uhr in der Friedhofskapelle.“ So stand es in der Anzeige. Eine von den vielen, die ich mit meinen Schülerinnen ansah.
„Was soll das denn?“ kam, wie fast immer bei diesem Thema, die Frage: „Trauerfeier!? Was gibt es denn da zu feiern?“
Alle Jahre wieder erlebe ich in der Schule die Empörung meiner Schülerinnen. Es geschieht immer dann, wenn wir in der Unterrichtseinheit „Sterben, Trauer und Tod“ auf Trauerfeiern zu sprechen kommen. „Was soll denn daran eine Feier sein? Wenn einer tot ist, gibt´s doch nichts mehr zu feiern“, so die fast regelmäßige Reaktion.
Das klingt einsichtig. Wer unter Feiern lautes, feuchtfröhliches Ausgelassensein versteht, den muss das Wort „Trauerfeier“ irritieren.
In der Karwoche gibt es auch so eine Irritation, nämlich heute. Gottesdienste und Andachten in dieser Woche wirken eher still und verhalten. Nicht so am Gründonnerstag. Da werden die festlichen weißen Tücher aufgelegt, Kerzen entzündet, Melodien erklingen, die sonst in diesen Wochen der Passion nicht zu hören waren. Was gibt es denn da zu feiern?
Nun, nicht Geringeres als den Ursprung des Heiligen Abendmahles oder der Eucharistie, wie es in der katholischen Kirche heißt.
„Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde,“ sagt Jesus im Johannesevangelium (15,13). Christen feiern heute die Liebe, die sogar den Tod nicht scheut. Sie feiern, wie Christus wahr werden lässt, was schon der Psalmbeter wusste: „Bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.“ (139,8) Und auch dies: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ (23,4) Ein Liederdichter späterer Zeit sagt es so: „größer als der Helfer ist die Not ja nicht“ (EG 593,2)
In der Woche der Wehklage und Trauer feiern die Gründonnerstag, die darauf trauen und hoffen: in Weh und Trauer sind wir nicht uns selbst überlassen – sondern gehalten von einer starken Liebe. Die dürfen wir feiern. „Für dich“, heißt es bei der Feier des Abendmahls. Weil dein Gott dich liebt und zu dir steht. Wenn das kein Grund zum Feiern ist! Was dann?
Andacht von Mittwoch (20.4.2011)
„Wir mussten damals heiraten“, erzählt mir grinsend ein Paar – nein, nicht wegen Kind, Wohnung, Steuer oder so: „Wegen der Liebe.“
„Musste Christus nicht solches leiden?“ fragt Lukas in seinem Evangelium. Jesus selber sagt das im Gespräch mit den Jüngern, denen der Auferstandene sich zugesellt auf dem Weg nach Emmaus.
„Ich musste es einfach tun“, „ich konnte gar nicht anders“, sagen Menschen, die anderen halfen und in einer Not beisprangen. „Ich habe doch gar nichts Besonderes getan“, sagte einmal ein Lebensretter im Interview, „ich habe doch nur getan, was man tun muss.“ Als sei das selbstverständlich, dass einer für den anderen einsteht.
Auch wenn es das Ideal ist – selbstverständlich ist das eben nicht, vor allem dann nicht, wenn ein Mensch selber dabei in Gefahr gerät. Warum nimmt Jesus das eigentlich auf sich und bezahlt es mit seinem Leben? Nein, nicht weil da ein übergeordneter Grund war, der ihn zu diesem Handeln zwingt. … In den Abgrund zwischen Gott und Mensch tritt er selber hinein. Nicht aus einem übergeordneten Grund – wie bei dem Paar, von dem ich eben erzählte: nicht wegen Kind, Wohnung, Steuer oder so. Nicht wegen anderer Erwartungen. Wegen der Liebe. Nichts sonst. Damit Gott und Mensch wieder zusammen kommen. Er will da sein, wo wir sind. Wir sollen da hin kommen, wo er ist.
„Musste Christus nicht solches leiden?“ Aus Liebe eben, um da zu sein, wo wir Menschen enden in der Flucht vor Gott. Abseits der Quelle des Lebens, getrennt von Gott, im Verhängnis des Todes. Da geht er hin, aus Liebe, damit das Leben den Tod verschlingt. Da wird aus dem Leiden, wie Luther sagt, ein fröhlicher Wechsel. Schuld und Tod bleiben am Kreuz – und die sich ihm anvertrauen, die gehen mit Christus ins Leben. Genau das nennt die Bibel eine gute Nachricht, mit dem Fremdwort heißt das: Evangelium. Die Liebe treibt deinen Gott zu dir, und der reißt dich mit ins Leben. Darin liegt das Geheimnis des Kreuzes, der Hingabe, der Liebe. Das Geheimnis des Muss. Lauter Liebe. Weil der Liebende den Geliebten sucht und nicht ohne ihn sein will.
Andacht von Dienstag (19.4.2011)
In der Karwoche bedenken Christen in aller Welt das Leiden Christi. Viele Generationen vor uns sprachen vom Opfer Christi. Opfer: das kommt vielen … nicht mehr zeitgemäß vor. Was soll das auch sein: ein Opfer?
Opfer? Empörend, sagt einer, vorsintflutlich, für mich muss sich niemand opfern. Sagt´s – und lässt natürlich seine Frau waschen, bügeln, kochen, putzen … Dabei ist er mächtig stolz auf sein gelegentliches Einkaufen und Abwaschen, heute führt man den Haushalt ja schließlich gemeinsam…
Opfer? Für mich doch nicht, ist sich eine andere im Klaren – und schiebt die Tankpistole in ihr Auto. Natürlich bei der ganz ganz günstigen Tanke, sie ist ja nicht blöd und zu verschenken hat sie auch nichts. Dann zahlt sie bei der Kassiererin – die kriegt nur wenige Euro pro Stunde. Dafür hält sie auch noch den Tank-Shop in Schuss, muss natürlich längst vor Dienstbeginn da sein und nach Dienstschluss noch Kasse machen. Das wird erwartet. Und wie alle ihre Kolleginnen ist natürlich auch sie nur geringfügig beschäftigt.
Opfer?, schüttelt ein etwas lüsterner Zeitgenosse den Kopf, was soll denn das? - und klickt sich durch zu den Internetseiten, die ihm am besten gefallen. „Wird doch niemand zu gezwungen“, murmelt er.
Opfer? fragt ein Ehepaar zurück. Keine Ahnung, was das sein soll. Sie sind auf dem Weg zu Oma. Oma wird von einem ambulanten Pflegedienst betreut. Das klappt ganz gut, freuen sie sich. Die Pflegerin findet das nicht. Sie hat einen realen Netto-Stundenlohn, der als Mindestlohn kaum diskutiert würde.
Opfer? So was kenne ich nicht, ist sich ein Vater im Klaren. Sein Sohn, der eine Hauptschulempfehlung hatte, quält sich auf dem Gymnasium. „Man darf doch nichts unversucht lassen. Die Kinder sollen es schließlich einmal besser haben.“ …
Opfer? Geh mir, sagt eine modebewusste Frau, und lädt sich gleich drei von den Pullis für nur ein paar Euro in den Einkaufswagen. Wer hat die eigentlich produziert, unter welchen Bedingungen? Ist mir doch egal, meint sie, wenn die das hier in Deutschland anbieten können, dann wird das schon seine Richtigkeit haben. Schließlich kann man sich ja nicht um alles kümmern.
Opfer? Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen. Aber ich merke jetzt schon: so weltfremd ist das wohl doch nicht.
Andacht von Montag (18.4.2011):
Karwoche. Heilige Woche. Stille Woche. Jetzt sind wir drin. Woche der Wehklage, das bedeutet ja Kara, Karwoche. Heilig – das heißt doch: in ganz besonders enger und ausgesonderter Weise mit Gott verbunden. Gottes Spuren sind zu finden, wo es heilig ist und heilig zugeht. Stille Woche – weil Menschen angesichts dieser Spuren still werden. Sie behaupten nicht mehr laut sich selbst, sie nehmen wahr und öffnen sich dem, was geschieht.
Wahrnehmen, was geschah – darauf schauen, darauf hören in dieser Woche.
Was also geschah? Ich gehe mit meinen Gedanken zurück, versuche, es zu vergegenwärtigen. Jesus geht den Weg des Leidens bis ans Kreuz. Die ihn ans Kreuz hängen, halten sich selbst für gerecht und gut – wenn nicht gar für fromm. Sind sie es doch, die die gute Ordnung wahren, die den Störenfried beseitigen. Sie sind es, die die Welt im Lot des Gewohnten halten – gegen all die Infragestellungen, die dieser Wanderprediger und Wundertäter aus Galiläa aufbrachte.
„Ich aber sage euch…“, so sprach er gegen alle gute Tradition, gegen all das, was doch galt und weiter gelten soll! „Ich verurteile dich auch nicht“, so stellte er sich an die Seite derer, die andere so schnell verurteilt hatten. Recht muss doch Recht bleiben!
Jesus – das ist einer, bei dem die Sache mit Gott ganz anders zu stehen kommt als gewohnt. Also, eigentlich kommt sie überhaupt nicht zu stehen, sondern in Gang. Einen Aufbruch spielt er uns zu, ein Aufbrechen in das Reich Gottes hinein, was heißt: Menschen geraten in Gottes Gegenwart. Und die sich ihm anschließen, die leben eine frappierende Freiheit gegenüber allem, was man so kennt und worin man sich längst eingerichtet hat.
„Weg, weg mit dem,“ sagen die Leute, weg mit dem, der uns so verunsichert. Sollte Gott nicht in Purpur gehören und seine Kinder in goldene Wiegen – was soll uns da dieses nach Vieh stinkende Krippenkind armer Leute? Sollte Gott nicht zuerst Umgang haben mit der Spitze der Gesellschaft – was soll uns da dieser Mann, der sich mit zwielichtigem Gesindel abgibt, dem keiner schlecht und niedrig genug sein kann?
Gott kommt uns von vorn entgegen – und er begegnet uns ganz unten. Da, wo wir ihn – eigentlich – doch nicht erwarten. Gott in dem, der vom Kreuz herab ruft: mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ist das nicht absurd? Nein, sagt der christliche Glaube – gerade so tritt er an unsere Seite, geht unsere Wege mit – bis in den Tod und durch den Tod hindurch.