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Religionskritik Wort zum Sonntag am 04.08.2012

 "Religion ist nichts als eine große Illusion", behauptete der bedeutende Seelenkenner Sigmund Freud. Was die Menschen sich für ihr Leben wünschen, das bilden sie in ihren Göttern ab: Gott-Vater als allgegenwärtiger Tröster gegenüber Schicksalsschlägen und Tod, das Jenseits als paradiesisches Hoffnungsbild angesichts von Ungerechtigkeit und Entbehrung im Diesseits. Freud meinte, die religiösen Lehren seien Ausdruck einer kindlichen Weltsicht, und es sei an der Zeit, dass die Macht der Religion abgelöst werde durch die Macht der Vernunft.
Freud war nicht der erste, der die Religion kritisiert hat, und er ist auch nicht der letzte geblieben; seine Sichtweise hat aber antireligiöse Einstellungen nachhaltig - bis in unsere Zeit hinein - geprägt. Die Kirchen haben ihn über Jahrzehnte hinweg fast ausschließlich ignoriert. Wo sich Theologen mit seinen Gedanken auseinandersetzten, da wurde er von ihnen meist als sittenverderbender Ketzer verurteilt.
Inzwischen haben sich die Verhältnisse längst entspannt. Ein ehrliches Gespräch über die Grundlagen des christlichen Glaubens kann an Freuds Religionskritik nicht mehr vorbeigehen, zumal seine psychologischen Erkenntnisse auch in die Ausbildung und seelsorgerliche Praxis der kirchlichen Mitarbeiterschaft Einzug gehalten haben.
Und es dürfte kaum bestritten werden, dass Freuds Angriffe auf die religiösen Verhältnisse seiner Zeit sogar "reinigende Kraft" für das Christentum haben können. Denn der christliche Glaube ist - recht verstanden - kein ewig-undurchlässiges Gemäuer von religiösen Lehrsätzen, sondern ein offener Schatz an Erfahrungen, aus dem heraus immer neue Lebensmöglichkeiten erwachsen. Wo also christlicher Trost zu frommen Worthülsen erstarrt, wo christliche Hoffnung zu realitätsfremder Träumerei verkommt, da ist die Freud'sche Kritik notwendig und heilsam.
Damit wird Freud nun allerdings nicht zu einem "Heiligen wider Willen". Im Gegenteil: seine Vergötzung der Vernunft ist gewiss nicht der Weisheit letzter Schluss, weil sie entscheidende Tiefen der menschlichen Existenz verfehlt. Aber es heißt zumindest, dass es uns als Christen gut ansteht, ein offenes Ohr für die vermeintlich Religionslosen zu haben. Wir könnten mancherlei von ihnen lernen!
Wolfgang Gerdes, Pastor in Kirchdorf |
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