Kirche macht schlau, wenn sie aufs Ganze geht
Dr. Henning Scherf diskutierte mit Experten über Rolle der Kirche bei Bildungsfragen
Diepholz. Dass eine Veranstaltung mit Bremens ehemaligem Bürgermeister Dr. Henning Scherf Unterhaltungscharakter hat, mag sich bereits herumgesprochen haben. Am Dienstagabend setzte er noch eine gehörige Portion Spannung oben darauf, denn der Referent des Diskussionsabends „Kirche macht schlau – Ist Bildung eine Glaubensfrage?“ des Kirchenkreises Grafschaft Diepholz kam nicht wie angekündigt mit dem stark verspäteten Zug, sondern tauchte gut 15 Minuten nach Veranstaltungsbeginn mit dem Taxi vor dem Diepholzer Rathaus und mit ordentlich schlechtem Gewissen wegen seiner Verspätung auf.
Die Einführung in das Thema sprach Superintendent Klaus Priesmeier im vollbesetzten großen Ratssaal. Dabei betonte er, dass es sich nicht von selbst verstehe, dass Kirche schlau mache. „Ich persönlich glaube auch nicht, dass das völlig unbesehen und allgemein stimmt“, so Priesmeier, „aber dort stimmt es, wo Kirche bei Trost und bei ihrer Sache ist.“ Das seien auf jeden Fall die Lebensthemen Glaube, Hoffnung und Liebe und alle Drei haben mit Verstehen, mit „sich ein Bild machen“, mit Lehren und Lernen und somit auch mit Bildung zu tun. Nicht ohne Grund wurde daher auch der Schwerpunkt „Kirche & Bildung“, zu dem der Kirchenkreis 2010 verschiedene Projekte anging und dessen Höhepunkt diese Diskussionsveranstaltung darstellte, als erstes Themenjahr des Kirchenkreises ausgewählt.
Auf die heutige Bildungssituation kam Dr. Henning Scherf dann in seinem anschließenden Impulsreferat mit sehr deutlichen Worten zu sprechen. Er forderte die Kirche dazu auf, Pioniergeist an den Tag zu legen und auch im schulischen Bereich alternative Lehr- und Lernkonzepte zu entwickeln und nicht nur theoretische Abhandlungen über Verbesserungspotenzial im Bildungssystem zu verfassen. Seiner Meinung nach, müsse sich Kirche bei der kindlichen Bildung einmischen, ob nun in den KiTas oder in Schulen. Denn es geht um Schutz und Verantwortung für Kinder, die nicht für sich selber einstehen können. Anders sieht er es in der universitären Ausbildung. Bei Hochschulen und Universitäten finde er es überaus wichtig, dass diese weder konfessionell, noch sonst wie gebunden seien, denn die Wissenschaft müsse frei bleiben.
In der anschließenden lebhaften Diskussion zwischen den sechs Experten auf dem Podium, die Pastor Andreas Flug aus Mariendrebber pointiert moderierte, wurde schnell Tacheles geredet. „Das Ergebnis der Arbeit von staatlichen Schulen sei indiskutabel schlecht“, so Scherf. Ergänzte dann aber sogleich, dass dies auch eine Selbstbeschimpfung sei, denn er war als Senator in Bremen selbst für die Schulen zuständig und ist nach wie vor zutiefst enttäuscht von dem Ergebnis. Denn es bleibe dabei: Wo du hineingeboren wirst, davon hängen deine Bildungschancen ab und das dürfe nicht so sein.
Dorit Schierholz, selber Lehrerin in Barnstorf und Beauftragte des Landkreises Diepholz für den Religionsunterricht, warf darauf ein, dass Schule nicht auffangen kann, was die Eltern versäumt haben.
In ihrer Arbeit als Erzieherin sieht Nicole Matheus, Mitglied im Vorstand der Evangelischen Jugend im Kirchenkreis, wie förderlich eine enge Zusammenarbeit zwischen Eltern und Erzieherinnen im Idealfall sei und welche große Bedeutung das Engagement der Eltern für die Entwicklung ihrer Kinder hat.
„Wer die Kinder tauft, kann sie nicht einfach laufen lassen, bis sie konfirmiert werden“, so Erika Brahms, landeskirchliche Fachberaterin für 80 Evangelische Kindertageseinrichtungen im Sprengel Osnabrück, denn da habe Kirche eindeutig einen Bildungsauftrag.
Staatssekretär Dr. Josef Lange vom Ministerium für Wissenschaft und Kultur sprach sicherlich vielen aus der Seele, als er daraufhin klar forderte, dass der Kindergarten für alle kostenlos sein müsste, um jedem Kind die gleichen Chancen zu geben. Denn die Weichen für die Entwicklung würden schließlich im Vorschulalter gelegt.
Bei so einem Thema, von dem die meisten Gäste im Auditorium persönlich betroffen waren, ob als Eltern oder als Mitarbeitende in KiTas und Schulen, kamen schnell auch Wortmeldungen aus dem Publikum auf.
So berichtete ein Zuhörer von seinem Eindruck, dass auch aufgrund der IGLU-Studie für Grundschüler, bei denen Deutschland im Vergleich zu PISA gar nicht so schlecht abschneide, zu erkennen sei, dass der Bruch im Schulsystem dort entstehe, wo angefangen wird Schüler zu sortieren – also nach der 4. Klasse. Das sei ein Fehler im System. Erika Brahms bemerkte zuvor, dass ihr dieser Bruch bereits zwischen Kindergarten und Grundschule stark auffalle. Plötzlich ändern sich die Lernmethoden und es entstehe Druck, der aus ihrer Sicht nicht nötig wäre.
Dr. Henning Scherf und Dr. Josef Lange sprachen sich beide eindeutig für mehr Wettbewerb zwischen den Schulen aus. Es müsse mit guten Konzepten um die Kinder geworben werden. Dabei solle es nicht um ein Gegeneinander von staatlichen und privaten, wie zum Beispiel kirchlichen, Schulen gehen, sondern um ein gegenseitiges Anspornen und um einen Wettstreit um die beste Pädagogik.
Andreas Flug stellte daraufhin die berechtigte Frage, wie das denn nun konkret aussehen solle. Was kann Kirche hier machen?
Scherf und Lange betonten die Bedeutung der Eltern. Direkt könne und dürfe sich die Kirche nicht in das Schulsystem einmischen. Aber es fehle ein Elternlobbyismus. Denn Eltern können Schule aktiv mit gestalten. Henning Scherf berichtete von seinen eigenen Erfahrungen, als er sich als Elternsprecher hat wählen lassen und dies bewusst auch aus seiner Rolle als Mitglied seiner Kirchengemeinde heraus gemacht hat. Aber auch die KiTas- und Konfirmandenarbeit müsste nachhaltiger sein, damit die Kinder der Kirche auch verbunden bleiben.
Nicole Matheus forderte, dass die außerschulische Jugendarbeit gestärkt werden müsste. So könnten Kinder in der Evangelischen Jugend in ihrer eigenen Persönlichkeit gestärkt werden und ihnen Freude am Lernen vermittelt werden. Klaus Priesmeier sah eine wesentliche Aufgabe darin, dass ein engerer Schulterschluss zwischen Kirche und Schulen da sein müsste, was auch Dorit Schierholz betonte, in dem sie für die gute Aus- und Weiterbildung von Religionslehrkräften warb, wie es das Religionspädagogische Institut in Loccum ermögliche.
Dr. Josef Lange brachte es so auf den Punkt: „Wer sich nicht einmischt, der darf sich nicht beschweren, dass nicht mehr über ihn geredet wird.“
„Kirche macht also schlau, wenn sie aufs Ganze geht“, fasste Klaus Priesmeier zusammen und beschloss den Abend mit der Ankündigung eines letzten Liedes des Gospelchors Brockum, der den Abend musikalisch und sehr kurzweilig untermalte. Dazu sei noch einmal der Unterhaltungscharakter Henning Scherf erwähnt, der zu Beginn des Abends beim zweiten Lied mit den Worten: „Übrigens, ich bin auch Vorsitzender des Deutschen Chorverbandes. Könnte ich wohl mitsingen?“ aufstand, sein Sakko auszog und zur Freude und zur Überraschung des Chors die Männerstimmen verstärkte.